Football Casuals

Pikobello Casuals im „Blickfang Ultra“

Die „Blickfang Ultra“-Ausgabe Nr. 39 ist besonders lohnenswert für Freunde der Casual-Subkultur. An dieser Stelle geben wir euch noch einmal einen Einblick in das Doppelinterview mit uns und dem italienischen Label „The Choice“.


Hallo Jungs, danke dass ihr euch die Zeit nehmt uns ein paar Fragen über euer Label zu beantworten. Bevor wir mit Fragen zu der Marke starten, bitten wir euch ein bisschen über eure Person zu reden. Woher kommt ihr und wie kam die Idee auf, ein eigenes Label zu gründen?

Als Kinder dieses Kaffs hier im Rheinland mit den vielen Schornsteinen, diesem leuchtenden Kreuz und dem Fußballverein, den keiner mag, haben wir sicherlich nicht gerade das große Los eines Standortvorteils gezogen, wenn man ein überregionales Label an den Start bringen möchte. Umso erfreulicher ist es, dass die aktiven Leute dann doch ganz gut differenzieren können und wissen, dass Pikobello nicht stellvertretend für irgendeine Szene, sondern eben unter dem gemeinsamen Nenner der Casual-Subkultur agiert. Wir selber halten eh nichts von gekünzelten Rivalitäten und sind noch vom alten Schlag, wo nicht jeder von einem anderen Verein gleich von vornherein als Todfeind angesehen wird. Gerade in der Casualkultur blieb dieses Gedankengut über die Jahre ganz gut in den Köpfen der Leute erhalten. Unsere – auch ganz persönliche – Geschichte hat bereits zu Genüge gezeigt, dass wir mit Gegenwind gut umgehen können und dieses Underdog-Image eigentlich immer schon gerne angenommen und sogar gepflegt haben. Bekanntermaßen wurde ja – viele würden sagen „ausgerechnet“ – hier in unserer Stadt der Grundstein für die Ultra-Kultur in Deutschland gelegt und wir waren seinerzeit maßgeblich daran beteiligt. Die Widrigkeiten eine komplett neue Art des Fandaseins etablieren zu wollen, waren gerade in jener Zeit, als der Fußball und das Drumherum ansich noch wesentlich rauer und verruchter waren, tatsächlich nicht gerade ein Zuckerschlecken. Heutzutage muss sich ein neu gegründeter Fanclub vielleicht innerhalb der eigenen Szene durchbeißen, damals mussten wir wortwörtlich einen komplett neuen Stil durchboxen. Wir lehnen uns sicherlich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn wir uns nicht nur als „Ultras…“ sondern eben auch als „Casuals der ersten Stunde“ bezeichnen. Hier könnte man jetzt natürlich noch ewig weit ausholen und über die Anfänge der deutschen Ultra-Kultur und all das berichten, was wir in all den vielen Jahren erlebt haben und was uns geprägt hat. Bevor hier der Rahmen gesprengt wird, können wir dies bei Bedarf auch gerne einmal gesondert ausführen.

Mode spielte tatsächlich auch immer schon eine Rolle bei uns, auch im Bezug auf das „Stadionoutfit“. Wobei jenes ja Ende der 80er und in den 90ern in Deutschland den Begriff „modisch“ schon fast beleidigt, wenn man sich daran zurückerinnert wie wir mit unseren knallbunten Blue System-Sweatern und Best Company-Pullis mit Waschbär- und Pinguin-Motiven in Übergrößen aufgetreten waren. Darüberhinaus haben wir immer schon die Klamotten für die Fanszene entworfen und produziert und irgendwann reifte dann die Idee mit einem eigenen Projekt zu starten, bei dem man die eigene Kreativität noch einmal ganz anders ausleben kann. Dies war dann letztendlich der Startschuss für Pikobello Casuals.

Erzählt uns etwas über den Namen Pikobello, gibt es spezielle gründe wieso ihr diesen Namen ausgewählt habt? Welche Ziele verfolgt ihr denn mit eurer Marke? Wollt ihr eine Underground Marke bleiben, oder hofft ihr bald im „big business“ mitmischen zu können?

Pikobello als umgangssprachlicher Begriff für „vorzüglich“ oder eben als Synonym für „piekfein“ passt einfach genau zu dem, was wir darstellen wollen. Im Rheinland würde man salopp sagen „tipptopp“. Unser primäres Bestreben ist wie bereits angedeutet das Ausleben der eigenen Kreativität in Verbindung mit der Produktion von qualitativ hochwertigen Klamotten. Dabei spielt Authentizität eine ganz entscheidende Rolle. Wir kreieren genau die Motive, mit denen wir uns selber identifizieren können und oftmals spielen ganz persönliche Einflüsse dort mit rein. So erscheint es auf den ersten Blick vielleicht als nicht als ausgesprochen kreativ eine abgewandelte Trimmy-Figur ins Rennen zu schicken. Wenn man aber weiß, dass es hier bei uns in der Stadt schon seit vielen Jahren eine „Trink Dich“-Tour durch die örtlichen Kneipen unter Verwendung dieser Symbolik gibt, wären wir wieder beim Stichwort Authentizität. Die eigene Geschichte und Selbsterlebtes in neu interpretierten Klamotten und Accessoires aufleben zu lassen, das ist es, was Pikobello ausmacht. So kann man sich in diesem Kontext natürlich auch darüber streiten, ob es tatsächlich „casual“ ist, wenn man eine 800 Euro-Jacke mit einem Turnbeutel kombiniert. In unserem Fall ist es aber einfach so, dass wir in den 80ern eben mit diesen Dingern bepackt mit Adidas Glanzsporthose und Pausenbrot zum Schulsport gegangen sind und wir einfach Bock darauf hatten auch hier die eigene Geschichte noch einmal aufleben zu lassen. Ein weiteres gutes Beispiel ist das „Generation to Generation“-Motiv, welches ja genau unsere eigene Entwicklung darstellt: vom latzhosentragenden jugendlichen Raufbold mit der gehörigen Portion Übermut, über die Zeit, als man sich dann endlich die ersten Chevi-Lederjacken leisten konnte, bis zur Neuzeit. Gleiches gilt für unsere „Helden von Rom“-Shirts. Für uns war der WM-Titel von 1990 immer noch der größte Triumph und das geilste Fußballerlebnis schlechthin. Es standen einfach noch Typen auf dem Platz, die aneckten, Charakterköpfe und keine weichgespülten Musterprofis. So findet sich zu jedem unserer Motive und anderen Artikeln die passende Anekdote.

Wir verfolgen mit unserem Label zunächst einmal nicht zwingend groß angelegte finanzielle Ziele. Jeder, der sich einmal mit der Produktion hochwertiger Klamotten beschäftigt hat und sich dann auch noch vor Augen führt, dass am Ende natürlich auch noch der Fiskus die Hand aufhält, kann sich in etwa vorstellen, was bei einem Shirt unserer Qualitätsansprüche mit kompletter Veredelung made in Germany mit zwölffarbigen Plastisoldruck und all den anderen Nebenkosten am Ende hängen bleibt. Wichtiger ist dabei tatsächlich die ausführlich erklärte autobiografische Komponente. Zudem würden wir uns auch nicht verbiegen oder von unserem Grundkonzept und Selbstverständnis abweichen, nur um den Gewinn zu maximieren oder die Auflage zu erhöhen. Wir werden also weiterhin unseren Weg gehen und harren der Dinge die da kommen.

Wo produziert ihr? Erzählt uns etwas über die Planungsschritte einer neuen Kollektion. Wie läuft das Ganze ab, vom ersten Schritt bis zum finalen Produkt?

Ideen schwirren eigentlich immer genug in unseren Köpfen rum. Wenn wir uns dann konkret dazu entscheiden, diese Gedanken in ein neues Projekt umzusetzen, dann steht als erstes die grafische Ausarbeitung an. Uns persönlich ist es wichtig die eigenen Vorstellungen möglichst in Eigenregie gestalterisch auszuarbeiten und nicht einfach nur extern einzukaufen. Bedeutend ist es für uns natürlich auch genau die Qualität zu liefern, die unseren eigenen Ansprüchen genügt. Es wäre fatal ein „casual affines“ Label zu führen und dann minderwertige Ware anzubieten, von daher achten wir tatsächlich penibel auf die Auswahl der verwendeten Textilien, auch wenn diese dadurch in der Anschaffung gerne mal etwas mehr kosten. Desweiteren versuchen wir möglichst alles „Made in Germany“ oder zumindest innerhalb der EU zu produzieren. So hätten wir natürlich unsere Wollmützen auch für einen Bruchteil der Produktionskosten in China produzieren lassen können, entschieden uns aber letztendlich für einen Betrieb innerhalb Europas, von dem wir von der ausgesprochen guten Qualität seiner Erzeugnisse wussten. Bei vielen Artikeln haben wir sogar die Möglichkeit bei der Produktion mit vor Ort sein zu dürfen, um so unmittelbar die geforderte Qualität überprüfen zu können. Darüberhinaus bekennen wir uns ganz eindeutig zu Attributen wie FairWear/FairTrade und es darf auch gerne Bio-Baumwolle oder klimaneutrale Produktion sein. Denn auch wenn man als kleines Label die Machenschaften einiger großer Textilproduzenten natürlich nicht wirklich verhindern kann, sollte man dennoch mit gutem Beispiel voran gehen.

Erzählt uns bitte auf was ihr achtet, wenn ihr euch privat Klamotten kauft? Was macht eurer Meinung nach ein gutes Label aus? Auf welche Details achtet ihr bei der Erstellung neuer Kollektionen?

Es sollte halt nicht unbedingt immer Mainstream sein. Natürlich haben auch wir ein paar klassische Lacoste-Polos oder Derartiges im Schrank hängen, doch ist das Verlangen nach kreativen Klamotten kleinerer Labels ungleich größer. Gerade hier merkt man oft die Liebe zum Detail. Und wenn es schon die großen Marken sein sollen, dann sind entweder CP oder SI oder Konzepte mit regionalen Produktionsstätten durchaus interessant. New Balance geht ja hier einen guten Weg mit den „Made in USA“ und „Made in UK“-Serien. Auch Lyle&Scott oder Barbour produzieren ja teilweise auch wieder in heimischen Gefilden, das beeindruckt! In letzter Zeit wurden die US Produktionen von Enginereed Garments und Battenwear auch zunehmend interessanter. Nach Plastik stinkende Sachen, die von kleinen Kindern genäht worden sind und keine Wäsche überstehen, braucht kein Mensch. Ein hoher Qualitätsanspruch und die Auswahl an bestenfalls natürlichen Materialien in Verbindung mit top abgestimmter Verarbeitung und Veredelung, das macht ein perfektes Produkt aus und daran müssen sich die Labels messen lassen.

Die komplette Redaktion unseres Heftes ist in Ultra-Gruppen aktiv. Wir denken, dass die Casual-Kultur eine sehr aufstrebende Bewegung in Europa ist. Was denkt ihr darüber und was sind eure Erfahrungen mit der Ultra-Bewegung und ihren Klamottenstyles?

Wir haben hier sicherlich einen ganz guten Einblick, da wir beide Subkulturen – die ja auch ineinander verschmelzen – von Anfang an aktiv begleitet haben. Die in der Vergangenheit signifikanten modischen Unterschiede der Fanszenen in den einzelnen Ländern verschwimmen in den letzten Jahren immer mehr zu einem Einheitsbrei. Der „britische Stil“ hat sich durchgesetzt und bestimmt das Bild in den Kurven. Wenn man bedenkt, dass wir früher mit Latzhosen und bereits eingangs erwähnten knallbunten Sweatern rumgelaufen sind, hat diese Entwicklung aber alles andere als nur negative Seiten. Da einer von uns selber über zwei Jahre in England lebte, hat uns ganz persönlich natürlich dieser Stil noch in einem besonderen Maße geprägt. In Deutschland nehmen derweil auch die regionalen Unterschiede mehr und mehr ab. Früher war die Trefferquote doch recht hoch, wenn man bei Länderspieltouren die Gruppen anhand der Sneakermarke einschätze. Heute klappt dies mit Sicherheit nicht mehr so gut.

Welche Projekte plant ihr für die Zukunft?

Wir haben derzeit schon einige neue Projekte in der Pipeline, die teils kurz vor Fertigstellung, teils aber auch noch Gedankenspiele sind. Über allem steht aber wie gesagt der Qualitätsanspruch. Erst wenn wir sicherstellen können, dass wir eine bestimmte Idee auch zu einhundert Prozent so umgesetzt bekommen, wie wir es uns vorstellen, werden wir das jeweilige Produkt anbieten. Wir würden hier niemals nach dem Motto handeln „einfach machen, die Leute kaufen es eh“. Das würde komplett unserem Konzept widersprechen. Aber keine Sorge, ihr dürft euch auf jede Menge weiteres Zeugs von uns freuen, mehr wollen wir noch nicht verraten.

Zurück zur Ultrabewegung. Was denkt ihr über die Ultraszene in Deutschland und Europa? Habt ihr vielleicht gewisse Vorlieben oder Länder die euch besonders interessieren und am Herzen liegen?

Heutzutage sind die Ultragruppen viel strukturierter und durchorganisierter, als dies früher der Fall war. Als modischer Mensch ist man ja von Natur aus recht penibel und daher ist dieser Teil der Entwicklung durchaus als positiv zu betrachten. Es darf aber halt auch nicht überhand nehmen. Eine gewisse Disziplin ist in so einer Gruppe unabdingbar, aber der Spaß sollte eben auch nicht gänzlich zu kurz kommen. Uns persönlich nervt es darüber hinaus, wenn Ultras die Kurven in einem übertriebenen Maße als Bühne nutzen – vor allem für Dinge, die gar nichts mit Fußball zu tun haben. Klar hat Ultra auch ein Stückweit mit Selbstinszenierung zu tun. Jeder will sich bestmöglich darstellen. Logisch, dass eine schöne Choreo den Verein und/oder die Gruppe huldigt und nicht dafür sorgt, dass ein Spieler schneller läuft. Das ist ja auch alles ok, dennoch muss es auch hier Grenzen geben. Denn alles, was thematisch auf einmal nichts mehr mit Stadt, Verein oder Fußball zu tun hat, hat für uns persönlich dort nichts zu suchen. Politische Profilneurose kann man woanders ausleben, so zumindest unsere Meinung. Generell würden wir uns einfach wünschen, dass der Fußball wieder absolute Priorität erlangt, genau dies verlangen wir ja auch von den Offiziellen und anderen Gremien. Einige scheinen vergessen zu haben, worauf es eigentlich ankommt und wofür wir das Ganze tun.

Wir haben ja das Glück mit unserem Verein fast jedes Jahr international vertreten zu sein und nehmen es sehr dankbar an, diesen schon in dreißig Länder begleitet haben zu dürfen und da wir seit über fünfzehn Jahren erst zwei internationale Spiele verpasst haben, konnten wir uns natürlich auch einen guten Überblick über die Europäische Fanlandschaft machen. Als wir Ende der 80er den Grundstein für die deutsche Ultrakultur gelegt haben und Anfang der 90er dann damit so richtig durchgesartet sind, strahlten natürlich vor allem die italienischen Kurven eine ganz besondere Faszination aus. Leider ist von diesem Glanz der einstigen Vorbilder in den meisten Städten aufgrund der bekannten Faktoren und Umstände zumindest nach Außen hin nicht mehr allzuviel erhalten geblieben. Unglaublichen Support in Griechenland und in der Türkei oder total durchgeknallte Typen in Rumänien und Bulgarien, wir haben alles schon erlebt und alles war auf seine Weise interessant und teilweise beeindruckend.

Vielen Dank für die Antworten, wir haben noch eine letzte Frage, die sicher auch die Leserschaft sehr interessieren wird. Was ist euer Lieblingsaperitif?

Einen Appetitanreger brauchen wir nicht, wir sind immer hungrig: Auf Erfolg, den wir zumindest mit unserem Verein eh nie haben werden. Auf Klamotten, von denen wir schon viel zu viel haben. Auf Suff, gutes Essen, Sport und viele internationale Reisen, von denen man nie genug haben kann. Und natürlich auf neue Projekte, von denen es definitiv noch so einige geben wird.