Football Casuals

„Maßgeschneidert“ – Im Gespräch mit Kai Tippmann

Mit unserer neuen Interviewreihe „Maßgeschneidert“ wollen wir euch einen Einblick in den Stellenwert der Casual-Subkultur der Kurven, Städten und auch Ländern geben – und das stets aus erster Hand und im immer interessanten Austausch mit bekannten Leuten aus den jeweiligen Szenen. Den Anfang machen wir heute mit jemandem, der sich wie kein anderer Nicht-Italiener mit der dortigen Ultrà-Kultur, aber auch „la dolce vita“ südlich der Alpen auskennt.

Kai Tippmann ist absoluter Experte der Lebensweise in Bella Italia und schreibt darüber in seinem Blog altravita.com Er hat in den letzten Jahren diverse Bücher aus dem Italienischen übersetzt wie “Tifare Contro”, “Cani Sciolti – Streunende Köter” und “Il Teppista – der Rowdy”. Kai ist zudem aus der Italien-Folge der ZDF-Reportage „Verrückt nach Fußball“ bekannt. Er lebt seit 1999 in der Region Piemont und ist Anhänger vom AC Mailand. Im Laufe der Zeit hat der gebürtige Berliner Freundschaften in vielen italienischen Kurven geschlossen, sich Akzeptanz erarbeitet und konnte somit tiefe Einblicke in die italienische Fankultur gewinnen.

Der Italiener als solches hatte ja immer schon den Ruf, besonders großen Wert auf ein modisch schickes Auftreten zu legen. War dies in den Fankurven auch von je her ein Thema oder prägte in den vergangenen Jahrzehnten noch vornehmlich der klischeehafte „Italo-Ultra-Look“ mit Bomberjacke und Seidenschal das Bild?

Italienische Kurven waren noch nie so „northfaceisiert“, wie manche deutsche Szenen, d.h. durch einen bestimmten Style oder eine bestimmte Marke charakterisiert. Klar gab es Gruppen, die sich durch beispielsweise Bomberjacken hervortaten, „Eskimos“ oder Insignien anderer Subkulturen, aber das sind eher Phänomene der Vergangenheit. Grundsätzlich gilt aber, dass der Italiener schon sehr großen Wert auf sein Aussehen legt, Ultras sind da keine Ausnahme. Und so findet man in vielen Kurven natürlich Fred Perry, 300 Euro-Sonnenbrillen, die allfälligen Sneaker oder deutliche Anlehnungen an den britischen Casual-Style. Trainingshosen oder Bauchtaschen sind weniger verbreitet, aber man zieht sich gern gut an und der Auftritt darf auch etwas kosten. Ich weiß von einer befreundeten deutschen Szene, die einen Auftritt der Milanisti in der Heimatstadt mit einem bewundernden „Mensch, gegen die sehen wir richtig Asi aus“ kommentierten.

Heutzutage scheint die italienische Szene ganz weit vorne zu sein in Sachen Casual-Subkultur. Wann begann dieser Trend und welche Szenen waren hier Vorreiter?

Es gab in Italien nie eine Trennung von Ultrà und Hooligan, d.h. es gab immer nur Ultrà und keine Hooligans, so dass die sportlicheren Vertreter der aktiven Fans britische Stilelemente übernahmen. So etwas gab es schon immer in den allermeisten Szenen. Vorreiter war hier sicherlich Hellas Verona, die sich von Anfang an nach England orientierten und schon in den 70ern Mode, Gesänge und Freizeitgestaltung von den Chelsea Headhunters nach Italien importierten und bis heute einen sehr englischen Stil pflegen. Aber ich glaube, einen Mr. Enrich findet man in jeder italienischen Kurve.

Die italienischen Gruppen wirken auf Außenstehende zu einem großen Teil eben auch politisch engagiert. Spielt in eher politisch-neutralen Szenen die Casual-Kultur eine größere Rolle, als sie es beispielsweise in extrem linken oder auch rechten Gruppen tut? Gibt es Städte und Gruppen, in denen der Casual-Stil bis heute wenig oder keine Rolle spielt?

Die Kurven sind seit jeher regional sehr verschieden. Zusätzlich zum oben gesagten könnte ich hier aber nur meine Ahnung einfügen, dass die wenigen explizit links orientierten Gruppen in der Mehrheit etwas anders aussehen. Trotzdem denke ich, dass man im schicken Polo, guten Sportschuhe oder Burberry-Karo in jeder italienischen Kurve eine gute Figur macht.

Italien ist die Nation der Modedesigner. Obwohl es innerhalb des Landes einen großen Fundus an hochwertigen Labeln gibt, eifern auch dort die Jungs augenscheinlich dem britischen Stil nach. Verschmelzt ganz Europa zu einem Mode-Einheitsbrei oder ist man auf dem Stiefel immer noch besonders stolz auf die eigene Mode?

Ich persönlich finde den Jogginghose/Bauchtasche/Northface-Einheitsbrei verschiedener deutscher Gruppen langweiliger (auch wenn ich natürlich den praktischen Aspekt nicht verleugnen kann). Ansonsten findet in Italien neben Fred Perry und Burberry natürlich auch sehr viel Gucci oder Dolce Gabbana statt. Ich sehe hier keine Gefahr einer modischen Monokultur. Und ich wiederhole mich da gern: Italiener, so auch Kurvenfans, legen hohen Wert auf ihr Äußeres und sie können das auch besser als eine Nation, die im Ausland eher dafür bekannt ist, Socken in die Sandalen zu ziehen.

Die italienische Szene hat mit diversen Problemen zu kämpfen. Repressionen, „Tessera del Tifoso“, Rassismusvorwürfe, halbleere Stadien. Geht es nur in Sachen Casual-Kultur aufwärts oder tut sich auch sonst wieder Positives in den Kurven?

Hier und da kann man tatsächlich manchmal den Eindruck haben, es geht punktuell aufwärts. Mancherorts ist die lokale Polizei etwas weniger restriktiv eingestellt, andernorts spielt vielleicht die Mannschaft gerade eine herausragende Saison. Ich halte es aber für zu früh um einschätzen zu können, ob das nicht nur eine dead cat bouncing ist.